Aufarbeitung – ein anspruchsvoller Weg, den wir miteinander gehen

Am 12. Januar 2026 informierte ein Aufarbeitungsteam des Evangelischen Kirchenkreis‘ Berlin Stadtmitte über einen Fall sexualisierter Gewalt*. Dieser hatte sich Ende der 90er Jahre auf dem Gebiet der Kirchengemeinden Am Weinberg und Prenzlauer Berg Nord zugetragen. Etwa 80 Personen – Gemeindemitglieder, haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitende und Interessierte – füllten den großen Saal im theologischen Konvikt in der Borsigstraße in Berlin Mitte.

Jugendpfarrer Timo Versemann von der Kirchengemeinde Am Weinberg moderierte das Gespräch und die Fragen aus dem Plenum. Im Anschluss an die Veranstaltung gab es die Möglichkeit zu weiterem Austausch im Café. Ein Awareness-Team begleitete den Abend.

Superintendent Matthias Lohenner, Leiter des Aufarbeitungsteams, gab zu Beginn der Veranstaltung die knapp 30 Jahre zurückliegenden Vorkommnisse wieder. Diese waren erst vergangenes Jahr durch die Aussage einer Betroffenen bekannt geworden: Ein Mitarbeiter hatte im dienstlichen Kontext einer minderjährigen Schutzbefohlenen sexualisierte Gewalt angetan. Der Mitarbeiter war zu diesem Zeitpunkt im damaligen Kirchenkreis Stadt III (Rechtsnachfolger: Kirchenkreis Berlin Stadtmitte) angestellt, die Arbeit war eng verzahnt mit der Jugendarbeit in der heutigen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord.

Die Gemeindeleitung und die Leitenden des Kirchenkreis‘ Berlin Stadtmitte hatten nach Bekanntwerden der Vorwürfe ein Interventionsteam gebildet und den Beschuldigten mit den Aussagen der Betroffenen konfrontiert. Der Beschuldigte hatte die Vorwürfe eingeräumt. Ein zu dem Zeitpunkt noch bestehendes kirchliches Arbeitsverhältnis wurde im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst. Da die Vorkommnisse juristisch gesehen verjährt sind, ist eine strafrechtliche Verfolgung nicht mehr möglich.

Sowohl Matthias Lohenner als auch Marion Eckerland, Beauftragte für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der EKBO, wiesen darauf hin, dass aufgrund von Persönlichkeitsrechten sowohl der Betroffenen als auch des Beschuldigten keine weiteren Informationen als die genannten möglich seien.

Zuhörende zeigten sich in der anschließenden Fragerunde enttäuscht: „Macht man mit so begrenzten Informationsmöglichkeiten eine Veranstaltung?“ Ja, hielt Matthias Lohenner entgegen: „Wir haben nach der ForuM-Studie an uns als Kirche einen Transparenzanspruch.“

Marion Eckerland ergänzte: „Es geht nicht allein darum, diesen Vorfall weiter zu erhellen, sondern auch darum, Menschen zu ermutigen, andere Vorfälle zu benennen.“ Der nun startende Aufarbeitungsprozess diene dazu, Strukturen, die den Vorfall begünstigt haben, zu erkennen und daraus zu lernen.

Auf eine Plenums-Frage zur Prävention sexualisierter Gewalt in der heutigen Gemeinde-Jugendarbeit stellte Monika Weber, Schutzbeauftragte im Kirchenkreis Stadtmitte, die entsprechenden Maßnahmen vor: Risikoanalysen, regelmäßige verpflichtende Schulungen von Mitarbeitenden zur Umsetzung des Schutzkonzeptes, ein überarbeiteter Verhaltenskodex, Beratungen, – Mittel, die nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern die Arbeit mit allen Schutzbefohlenen angehen. „Wir machen das seit über zehn Jahren, sind aber noch längst nicht am Ende damit. Wir müssen immer wieder nachschärfen“, so Monika Weber. Sie gehörte zum Interventionsteam und steht als Gast dem Aufarbeitungsteam bei aufkommenden Fragen zur Verfügung.

„Aufarbeitung ist Langstrecke – wir sprechen hier über Kulturfragen und über das Selbstverständnis in der Evangelischen Kirche. Unsere Anthropologie gibt es her, selbstkritisch in den Spiegel zu schauen“, sagte Superintendent Matthias Lohenner.

„Unser Blick bei der Aufarbeitung muss der einer aufrichtenden Gerechtigkeit sein“, meinte Timo Versemann, der ebenfalls zum Aufarbeitungsteam gehört. „Wir fragen: Was ist bei den Betroffenen und beim Beschuldigten durch die Tat passiert, das bis heute fortwirkt.“ Das herauszufinden und Wege zur Veränderung zu finden, sei ein community-process, Basis dafür seien Gespräche und Auseinandersetzung. Timo Versemann: „Das ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines anspruchsvollen Prozesses, den wir miteinander gehen.“

Das Aufarbeitungsteam ermutigt alle, die etwas zu dem Thema beitragen können, sich zu melden.Sie können sich an folgende Ansprechstellen wenden:

  • Matthias Lohenner, Superintendent  und Leitung Aufarbeitungsteam, Mail: m.lohenner@kkbs.de
  • Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt in der EKBO, Mail: fachstelle.praevention@ekbo.de; Tel. 030-243 44-568. Das Team der Fachstelle ist divers aufgestellt und kann vertraulich beraten. www.ekbo.de/wirken/aktiv-gegen-sexualisierte-gewalt 
  • Wendepunkt e.V., Unabhängige Externe Ansprechstelle bei sexuellen Übergriffen in der EKBO, Tel.: 0800 5 70 06 00 vertrauensstelle-ekbo@wendepunkt-ev.de 

* Bei dem Begriff der sexualisierten Gewalt folgen wir der Begriffsbestimmung aus dem „Kirchengesetz zum Schutz vor sexualisierter Gewalt“, § 2: https://akd-ekbo.de/wp-content/uploads/Kirchengesetz_zum_Schutz_vor_sexualisierter_GewaltEKBO_20201023.pdf